„Das Vertrauen, die Bindung ist entscheidend.“
Auf der Fachtagung der Wirbelwind GmbH zum Thema „Was brauchen Kinder heute?“ war sie eine der Referenten. Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Charmaine Liebertz, Leiterin des Fortbildungsinstituts „Gesellschaft für ganzheitliches Lernen e.V.“, Köln, zum idealen Menschenbild, den Kindern von heute und warum Humor so wichtig ist.
Frau Dr. Liebertz, sind Kinder heute anders als früher?
Die Kinder von heute sind aufgeweckt, sehr neugierig, sehr auf
Gerechtigkeit bedacht. Aber sie wissen immer mehr und können immer
weniger. Das heißt,
dass sie viel über ihre Fernsinne konsumieren, viel sehen und hören
aufgrund des heutigen großen Medienangebots. Sie arbeiten hingegen sehr
wenig mit
ihren Nahsinnen wie zum Beispiel Tasten und Schmecken.
Was brauchen Kinder heute?
Ich vertrete ja ein ganzheitliches Menschenbild, das Lernen mit
Kopf, Herz, Hand und Humor. Zur Schlüsselqualifikation eines modernen
Menschen gehört
zwar, über ein bestimmtes Maß an Wissen zu verfügen. Aber es wird
zunehmend wichtiger, Krisen zu meistern, flexibel und tolerant zu sein,
eine gewisse
emotionale und soziale Kompetenz zu besitzen.
Worauf sind diese Schlüsselqualifikationen zurückzuführen?
Die sind zurückzuführen auf die realen Bedingungen. Was erfordert
die globalisierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auch im ökonomischen
Sinne? Wir
brauchen heute Teams, wir brauchen kreative Menschen, Querdenker,
die eine hohe Frustrationstoleranz haben. Man muss bereit sein, ein
Leben lang zu
lernen und Interesse zu zeigen. Ein Menschenbild ist immer auch
geprägt von den realen, ökonomischen Bedingungen.
Tritt das ideale Menschenbild in den Hintergrund?
Nein. Ideale muss ich natürlich als Pädagoge sehr viele haben. Aber
wenn ich an der bestehenden Kultur und Wirtschaft vorbei ausbilde, dann
schade ich
dem Menschen. Man braucht sicher beides, denn auch ein ideales
Menschenbild basiert auf den realen kulturellen und ökonomischen
Erfordernissen.
Was bedeutet das für Eltern, Lehrer, Erzieher?
Es geht einfach darum, Freude daran zu haben, einen Menschen zu
begleiten. Man sollte sich als Eltern, Lehrer und Erzieher die Frage
stellen, welche
Werte soll dieser Mensch verkörpern? Er soll Humor haben,
intelligent sein, er soll Empathie leben, Interesse an Fremdem haben ─
das finde ich ganz
wichtig ─ und eigen- und mitverantwortlich denken und handeln. Der
Mensch des 21. Jahrhunderts ist mehr denn je ein Gemeinschaftswesen.
Was immer gut tut, ist ein Elternaustausch. Dann erkennt man, dass es bei anderen auch nicht immer aalglatt läuft, und dass zur Erziehung auch Fehler gehören. Und man sollte gar nicht so verkrampft an die Sache herangehen. Wichtig ist, viel zu lachen, auch mal über sich selbst. Wir haben das Lachen in der Pädagogik verloren, wir haben die Leichtigkeit und den Humor verloren.
Ihre These ist: „Bindung gleich Bildung“. Was bedeutet das?
Man weiß vor allem aus der Hirnforschung, dass man besser lernen
kann, wenn die Bindung zum Lehrenden stimmt. Das heißt, von einem
Menschen, den ich
wertschätze und von dem ich das Gefühl habe, der mag mich und der
will mich weiterbringen, von dem bin ich viel eher bereit, etwas zu
akzeptieren als
von jemandem, der mich bloß unterrichtet. Wir müssen aufhören zu
unterrichten, wir müssen aufrichten, das heißt, einen Menschen stärken.
Liebe ist der
wesentliche Motor von Bindung und Bildung. Heute sollten Pädagogen
nicht nur Wissen vermitteln, sondern spüren: Wie geht es dem Kind? Was
braucht es?
Früher galt das als ‚Kuschelpädagogik’. Aber aus der Hirnforschung
weiß man: Das Vertrauen, die Bindung ist entscheidend. Wir haben es ja
mit dem
gesamten Menschen zu tun, und das haben wir lange Zeit aus den Augen
verloren.
Frau Dr. Liebertz, vielen Dank für das Gespräch!